Fremdenfeindlichkeit - Der Staat verschweigt die Gewalt

Erstveröffentlicht: 
19.06.2016

Noch immer prügeln deutschtümelnde Verbrecher auf Flüchtlinge ein. Nur berichtet die Polizei darüber fast nicht mehr, obwohl sich die Straftaten dramatisch erhöht haben. Die Kolumne

 

Die Polizei berichtet nicht mehr regelmäßig über Gewalt gegen Flüchtlinge in ihren täglichen Meldungen, obwohl sich im ersten Halbjahr 2016 die flüchtlingsfeindlichen Straftaten dramatisch erhöht haben. Letztes Jahr um diese Zeit waren es 289, die meisten davon Angriffe auf Unterkünfte, Brandanschläge, Angriffe mit Steinen, Böllern, Sprengstoff oder Schusswaffen. Bei körperlichen Angriffen wurden 67 Menschen verletzt. Und heute?

 

Jeden Tag prügeln idiotische Verbrecher auf Flüchtlinge ein. Die Angriffe sind seit Beginn des Jahres heftig angestiegen – bereits mehr als 200 Geflüchtete wurden Opfer direkter, massiver Gewalt, und wir wissen von 714 Straftaten. Kurz: Sie haben sich mehr als verdoppelt. Aber wie zählen, wenn die Polizei kaum Mitteilungen mehr macht? Was immer der Grund sein mag, ob nun aus Scham, Furcht oder Gleichgültigkeit – es ist ein Zeichen nationalen und politischen Versagens.

 

Das Misstrauen ist zurück, der entfesselte Deutsche mit seiner Fahne grölt Nicht-Deutsche an und legt lachend Feuer an die Flüchtlingsunterkunft. Für alle, die sich hier schon aufregen: Alles gut, Fußball ist toll und die Fahnen gehören zur Begeisterung für die eigene Mannschaft. Überall auf der Welt. Doch während Schland in Schwarz-Rot-Gold ausgelassen feiert, verschweigt der Staat die Gewalt seiner „Patrioten“ gegenüber Schutzsuchenden. Die Tatsache, dass der Staat Flüchtlinge vor aggressiven Deutschtümlern nicht schützt, Verbrechen vergleichsweise seltener aufklärt und darüber auch noch Funkstille beschlossen hat, erhöht bei vielen das Unbehagen gegenüber dem Fußballfahnenmeer. 

 

Unbehagen gegenüber dem Fußballfahnenmeer


Am heutigen Weltflüchtlingstag soll niemand auf Fußball verzichten, um stattdessen an die 60 Millionen Flüchtlinge zu denken. Sie fliehen weltweit vor dem, was sich die Deutschen kaum noch vorstellen können: korrupte Diktaturen und deren Kriege, Kriminalisierung von Homosexualität, Versklavung von Frauen und Kindern, Todesstrafen für Oppositionelle und Gewalt als Alltagskultur in allen Lebensbereichen. Fußball tut gut, gerade in Flüchtlingscamps überall auf der Welt.

 

Die Menschen sind nicht nur in Deutschland von den Europameisterschaften begeistert und nutzen jede Möglichkeit, bei den Spielen live im TV dabei zu sein. Dann können sie wenigstens für einen Augenblick vergessen, dass dieses Europa, dass besonders Deutschland mit den Diktatoren dealt, vor denen sie geflohen sind. Ihnen Geschenke macht, damit die Schutzsuchenden möglichst zurück in die Katastrophen müssen oder künftig an der Flucht gehindert werden. Fluchtursachen bekämpfen nennt man das. Oder Hilfe für sichere Herkunftsländer.

 

Flüchtlinge, die bereits in Europa sind, die in Deutschland vielleicht sogar um die Ecke leben, interessieren keine Erklärungen oder Reden zum Weltflüchtlingstag. Was ihnen vermutlich mehr hilft, ist, den Fußballabend vor dem Fernseher mit Nachbarn zu verbringen, die sie nicht prügeln oder anzünden wollen, sondern sich mit ihnen an den Spielen erfreuen. Dazu könnte man vielleicht etwas Gutes grillen. Und als Alternative zum Schweigen über die beschämend ansteigende rassistische Gewalt, bringt jeder etwas Schönes mit. Es kann dann auch mal eine Deutschlandfahne sein.

 

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.