Die deutsche Ostseeküste befindet sich im Ausnahmezustand

Erstveröffentlicht: 
10.11.2015

ROSTOCK

Das „Tor zum Norden“ bleibt ein Nadelöhr: In Rostock ist keine Entspannung in der Flüchtlingskrise in Sicht. Mehr als 30 000 Flüchtlinge sind laut Schätzungen der Stadtverwaltung seit Anfang September von der Hansestadt aus mit Fähren nach Schweden gereist. Das Problem: Derzeit kommen mehr Flüchtlinge in Rostock an, als die Fähren aufnehmen können. „Uns erreichen jeden Tag bis zu 900 Menschen. Doch wir erhalten maximal 450 Tickets für die Schiffe“, sagt Stadtsprecher Ulrich Kunze. Elf Notunterkünfte hat die Hansestadt eingerichtet. Sogar im Rathausfoyer übernachten Familien aus Syrien. „Die Menschen warten bis zu vier Tage, bis sie weiterreisen können.“ Rostock hatte am Wochenende einen verzweifelten Hilferuf an Bund und Land abgesetzt: Es fehlen Übernachtungsmöglichkeiten für die sogenannten Transitflüchtlinge und Personal, um diese zu verpflegen. Vor einigen Tagen überlegte der Krisenstab der Stadt, den Katastrophenfall auszurufen. Bisher scheut das Rathaus davor aber noch zurück. Andreas Meyer

 

Kiel

6000 Flüchtlinge sind seit Anfang September von Kiel mit der Fähre ins schwedische Göteborg weitergereist. Stena Line verkauft an sie seit drei Wochen nur noch maximal 50 Tickets pro Tag. Das führt immer wieder zu einem Rückstau von bis zu 850 Personen. Die Stadt hält für sie ein Notquartier bereit. Doch weil dies nicht reicht, hat die Stadt zusätzlich ein leer stehendes Kaufhaus sichergestellt. In beiden Notunterkünften werden die Flüchtlinge – unter der Regie von professionellen Helfern – von Freiwilligen versorgt. In Kiel ist die Hilfsbereitschaft außergewöhnlich groß: Allein über die Facebook-Initiative „Kiel hilft Flüchtlingen“ haben sich 11 500 User vernetzt. Ein Teil von ihnen übernimmt nach Schule, Studium oder Arbeit die Betreuung der Transitflüchtlinge. Zudem versorgt ein Arbeitskreis aus allen Konfessionen die Wartenden täglich mit einer Mahlzeit. „Ohne dieses enorme Engagement könnten wir die Situation nicht stemmen“, sagt Sozialdezernent Gerwin Stöcken. Heike Stüben

 

Lübeck

11 000 Flüchtlinge sind in den vergangenen zwei Monaten von Lübeck mit der Fähre nach Schweden gereist. Spender hätten die Hälfte der Ticketkosten von 320 000 Euro aufgebracht, erklärt Jana Schneider vom Lübecker Flüchtlingsforum. Die andere Hälfte stamme von den Flüchtlingen selbst. Die Spendenbereitschaft lasse jedoch allmählich nach. 200 bis 400 Menschen erreichen jeden Tag die Hansestadt. Untergebracht werden die wartenden Menschen bislang im im Kultur- und Kommunikationszentrum „Alternative“. Nach zumeist einer Nacht fahren die Flüchtlinge mit der Fähre weiter nach Trelleborg oder Malmö.

 

Peter Intelmann