Kampfansage an die braunen Burschenschaften

Am Rande eines Burschentages in Eisenach
Erstveröffentlicht: 
25.05.2012

Rechtsextremismus

 

Antisemitische Pamphlete, Kontakte zu Neonazis: In Studentenverbindungen gewinnen Rechtsextreme an Einfluss. Liberale Dissidenten kämpfen dagegen an.

 

Norbert Weidner kannte auf seinem Karriereweg bisher nur eine Richtung: Über die rechtsextreme Wiking-Jugend kam er zur Freiheitlichen Deutschen Arbeiter-Partei (FAP), programmatisch nah an der NSDAP. Er brachte es zum Vorstand der verbotenen Hilfsorganisation für nationale Gefangene und deren Angehörige. Er unterstützte Rechtsextremisten wie Horst Mahler und Martin Wiese im Gefängnis.

 

Heute ist Weidner Chefredakteur der Burschenschaftlichen Blätter, des Zentralorgans der Studentenverbindungen in Deutschland und Österreich. Auf Burschenschaftsdeutsch heißt sein Job Schriftleiter. Er gehört zum Vorstand der Deutschen Burschenschaft, dem wichtigsten Dachverband mit etwa 105 Verbindungen, 10.000 Mitgliedern und einem Barvermögen von 418.000 Euro (Stand Januar 2011). Führend ist der Wirtschaftsjurist zudem in der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, in der Nationalisten das Wort führen.

 

Außerhalb der verklinkerten Gründerzeitvilla der Raczeks' in der Bonner Südstadt ist Weidner allerdings unter heftigem Druck. Kritische Burschenschafter arbeiten an seinen Rauswurf, seit er in der Mitgliederzeitschrift die von Hitler persönlich angeordnete Hinrichtung des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer als "juristisch gerechtfertigt" gutgeheißen hatte. "Zweifelsfrei ein Landesverräter", hatte Weidner über Bonhoeffer geschrieben. Für das Schreiben, das ZEIT ONLINE vorliegt, interessiert sich die Staatsanwaltschaft. Schriftliche Nachfragen zu seinem Wirken lässt Weidner unbeantwortet. In internen Rundmails, die ZEIT ONLINE ebenfalls vorliegen, wirft er seinen Kritikern eine Kampagne gegen ihn vor und betont, seine Mitgliedschaft in der Gefangenen-Hilfsorganisation liege 18 Jahre zurück.

 

Offen rechtsradikale Gesinnung


Weidner verkörpert eines der größten Probleme des Korporationswesens: In den traditionell konservativen Studentenvereinigungen nimmt der Einfluss offen nationalistischer Kräfte zu. Interne Dokumente belegen, dass sich der rechte Rand der Mitglieder in einem Maße radikalisiert, dass liberale Mitglieder um die Ideale der Burschenschaften fürchten – den Lebensbund, Gemeinschaft, Treue, Freiheit. Vor allem Alte Herren – also im Berufsleben angekommene Burschen – klagen über eine wachsende Zahl rechtsradikaler Studierender, die verbindungsintern ihre Gesinnung ungehemmt ausleben.

 

Entrüstet reagierten viele Burschenschaftler auf einen im Juni 2011 in der Mitgliederzeitung publizierten Artikel. Unter der in Fraktur gesetzten Überschrift Burschenschaft und Judentum räsonierte der Historiker und Abstammungskundler Björn Thomann – selbst Raczek – über "das anmaßende Auftreten des Zentralrats der Juden", dem sich "die deutsche Politik widerstandslos unterworfen hat". Besorgnis lösen zudem die personellen Schnittmengen mancher Burschenschaften mit der NPD aus. Und es gibt Berührungspunkte zur Neonazi-Szene

 

Verfassungsschutz registriert rechtsextremistische Bewegungen


Den Rechtsruck unter den Burschenschaften registrierten auch Verfassungsschützer mehrerer Bundesländer. Der bayerische Jahresbericht 2011 bescheinigt der Burschenschaft Danubia München erstmals "rechtsextremistische Ausrichtung und Zielsetzung". Namentlich erwähnt ist Pierre Pauly, der laut dem Bericht "enge Kontakte zur neonazistischen Kameradschaft München" hat. Auskünfte zu den Hintergründen verweigert Pauly ZEIT ONLINE. Aus der Rundgiebel-Villa der Danubia in der Münchener Möhlstraße heißt es nur, man prüfe wegen des Verfassungsschutzberichts eine Klage gegen das Land. In internen Mails wirbt Pauly dafür, Burschenschafter sollten "ruhig auch mal außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen denken und handeln". Wie Weidner gehört Pauly zur Burschenschaft der Raczeks in Bonn – nach eigener Darstellung. Die Raczeks-Zentrale teilt dagegen mit, dass es "bei uns keinen Herrn Pauly" gebe.

 

Political Correctness ist unerwünscht

Die Raczeks ruinierten ihren Ruf zuletzt 2011, als sie eine deutsche Abstammung als Aufnahmekriterium festschreiben lassen wollten. Der Antrag löste beim Burschentag 2011 in Eisenach einen Eklat aus und brachte den Raczeks erstmals eine indirekte Erwähnung im Hamburger Verfassungsschutzbericht 2011 ein. Die Behörde warnt, in Burschenschaften würden "zum Teil rechtsextremistische Positionen offensiv vertreten oder zumindest zustimmend zur Kenntnis genommen".

 

Rücksicht auf demokratische Konventionen im Umgang mit Radikalen ist bei den Raczeks unerwünscht: "Political Correctness, Nein Danke!", propagiert der Bund auf seiner Website. Nun ergreifen die letzten liberalen Mitglieder die Flucht – zur Jahrestagung am vergangenen Wochenende ging gleich eine Serie Austrittsschreiben ein.

 

Neue Spaltung wahrscheinlich


Beim Burschentag, dem Jahrestreffen des Dachverbandes Anfang Juni in Eisenach, dürfte der Konflikt zwischen Liberalen und Extremisten das Verbindungswesen erneut spalten. Schon mehrfach waren liberale Burschenschaften rechten Tendenzen ausgewichen, indem sie sich unter neuem Dach organisierten: 1996 entstand in Hannover die Neue Deutsche Burschenschaft. Im März dieses Jahres unterschrieben 21 liberale Bünde aus Sorge um den Ruf ihrer Zunft in Stuttgart das Gründungsprotokoll der Initiative Burschenschaftliche Zukunft.

 

Einige Wochen später machten Extremismusgegner mit einem zunächst nur burschenschaftsintern publizierten offenen Brief an 105 Verbindungen auf den Rechtsruck aufmerksam. Als Weidner von der geplanten Veröffentlichung erfuhr, drohte er den Unterzeichnern: "Das würde ich mir … dreimal überlegen." Doch Hunderte Adressaten reagierten positiv, darunter der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl, der der Burschenschaft Arminia-Rhenania München angehört. Auch Verkehrsminister Peter Ramsauer, Bundesbruder der Franco Bavaria München, unterstützte ausdrücklich das Ansinnen mit seiner Unterschrift. 


Vor dem Burschentag kursieren via Mail die Antragspapiere der rechten Hardliner: Etwa auf Gründung einer eigenen Partei und zur Abschaffung des Euro. Ob die liberalen Kritiker inmitten der korporalen Übermacht in der Eisenacher Aßmann-Halle überhaupt Gehör finden werden, ist offen.

 

Eine Enthebung Weidners wäre ein Novum


Der Dachverband verspricht offiziell, sich mit Weidner und seinen Gesinnungsgenossen zu befassen: Personelle Überschneidungen in der Verbandsspitze mit extremistischen Organisationen "werden abgelehnt und Hinweise darauf entsprechend geklärt", sagt der Sprecher der Deutschen Burschenschaft. Und die liberale Initiative Burschenschaftliche Zukunft forderte vor dem Treffen, "zu prüfen, ob eine vorübergehende beziehungsweise endgültige Enthebung" Weidners als Blätter-Chefredakteur möglich ist. Auch an Weidner persönlich erging "die Aufforderung zu überlegen, ob er noch tragbar ist".

 

Dies ist ein Novum im Verbindungssystem, das extremistische Haltungen bisher als Privatsache betrachtete. Denn damit ist Weidner nicht mehr nur mit der Kritik Einzelner konfrontiert, ein ganzer Verband will ihn loswerden.

 

Zum Burschentag soll der Protest der Kritiker an der Aßmann-Halle nicht zu übersehen sein. Für den 2. Juni mobilisieren Aktivisten bundesweit für eine Demonstration gegen das "reaktionäre Verbindungswesen", unweit des Tagungsortes ist eine Plakatwand gemietet. Geplanter Slogan: "Wer die Demokratie links liegen lässt, tritt rechts in die Sche..e"

 

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, dass Norbert Weidner Rechtsextremisten wie Horst Mahler und Martin Wiese im Gefängnis besucht habe. In einer Stellungnahme nach Veröffentlichung des Artikels legt Norbert Weidner Wert auf die Feststellung, dass er beide nie besucht habe.

Norbert Weidner war im Vorstand der nationalistischen Gefangenen-Hilfsorganisation HNG.



 

Burschenschaften


Burschenschaften sind eine weitgehend geschlossene Gesellschaft. Öffentliches Engagement und Wirken sind selten, der Zugang Außenstehender zu Veranstaltungen ist reglementiert. Das macht es schwer, gegen ideologische Auswüchse vorzugehen. Verfassungsschützer sahen bisher nur einzelne Fälle als beobachtungswürdig an.

 

Mitglieder zahlen Beiträge, manchmal mehrere Hundert Euro im Jahr. Ein Teil geht an den Dachverband Deutsche Burschenschaft. Er umfasst in 105 Verbindungen etwa 1.000 Mitglieder in sogenannten Aktivitas, also studierende Burschen. Der Rest der etwa 10.000 in Österreich und Deutschland Organisierten sind Alte Herren, also Burschen im Berufsleben.

 


 

Extremismus


Unter dem Schutz des Brauchtums-Etiketts pflegen einzelne Burschenschaften rechtsextremes Gedankengut. Manche haben besten Verbindungen zu Kameradschaften und Parteien wie der NPD, Pro NRW und der FPÖ in Österreich. Offiziell distanzieren sich viele Bünde vom Extremismus, doch für das Reden und Handeln einzelner Brüder will keiner garantieren. Geschützt durch Meinungsfreiheit und Korpsgeist bleiben auch Ausländerfeinde und Geschichtsverdreher unbehelligt. Ein Rauswurf ist so nahezu unmöglich.

 

Hinzu kommt, dass Streit unter Bundesbrüdern wegen des Conventsgeheimnisses bisher kaum nach außen drang. Kritische Burschenschafter versuchten, online die braunen Umtriebe zu thematisieren. Konflikte schlichtet meist oft die verbindungsinterne Gerichtsbarkeit.