Hartz-IV-Ärger: „Wie bei der Stasi“

Erstveröffentlicht: 
01.03.2011

Drohungen und Wohnungsrazzia: Hartz-IV-Empfänger aus dem Hochtaunuskreis berichten von ihren Erfahrungen mit den Jobcenter-Mitarbeitern im Bad Homburger Landratsamt.

 

Der politische Kompromiss ist geschlossen. Ab dem 1. Januar 2012 erhalten die Empfänger von Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) acht Euro mehr im Monat. Doch die Fixierung auf Regelsätze lenkt von der fragwürdigen Praxis vieler Sozialämter ab. Auch Bad Homburger Bürger sehen sich mitunter als Opfer behördlicher Willkür.

 

„Ich kam mir vor wie bei der Stasi“, sagt eine alleinerziehende Mutter (37) aus Bad Homburg. Das Sozialamt hatte ihr im Frühjahr 2010 die Unterstützung gestrichen. Der Grund: Sie lebe in einer festen Beziehung. „Die haben wochenlang meine Wohnung beobachtet und geguckt, wer da ein und aus geht“, erzählt die Betroffene.

Einen festen Partner habe sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht gehabt. Die Mutter eines siebenjährigen Sohnes ging deshalb gegen die Behauptung vor und musste dabei erfahren, was der Ausdruck „gläserner Bürger“ bedeutet.

Beamte hätten eine Hausdurchsuchung vorgenommen und ihr komplettes soziales Umfeld überprüft, inklusive des angeblichen Lebenspartners. „Mein Sohn hatte gerade Osterferien, als sie unsere Wohnung durchsuchten. Die kennen keine Grenzen oder Mitgefühl“, beklagt sie sich.

 

Ein 53-jähriger Familienvater aus Bad Homburg bestätigt dies. 20 Jahre lang sei er als erfolgreicher Geschäftsmann in der Region tätig gewesen, bevor ihn die Erwerbslosigkeit ereilte. „Am Anfang waren sie auf dem Sozialamt noch sehr nett. Doch je länger man keinen Job findet, desto schlechter wird man behandelt. Arbeitslosigkeit ist die Hölle“, sagt der Mann.

 

Auch seine Daten seien ohne Ausnahme geprüft worden. Am Ende warf ihm der Sachbearbeiter Sozialbetrug vor. „Ich hätte angeblich einen Aktienfonds unterschlagen. Der ist allerdings schon lange gepfändet, da konnte ich gar nichts unterschlagen.“ Mit der Räumung der Wohnung sei ihm nun trotzdem gedroht worden. „’Gehen sie doch ins Obdachlosenheim’, hat man mir gesagt.“

 

In vier Jahren hat der Familienvater nicht ein einziges ernst zu nehmendes Jobangebot von der Behörde erhalten. Auf die Frage, ob ihm der neue Hartz-IV-Kompromiss irgendwie weiterhelfe, antwortet er: „Da kann ich in meiner Lage ja nur noch drüber lachen.“