Der „Rumäne“ ist gar keiner

Erstveröffentlicht: 
16.05.2017

Im Prozess um fremdenfeindliche Angriffe beim Dorffest in Polenz können Geschädigte die Angeklagten nicht identifizieren.

 

Von Alexander Schneider

Er spricht den heimischen Dialekt und sein Vorname ist so sächsisch, wie er nur sein kann. Doch weil der Mann mit den deutschen Großeltern 1988 in Rumänien auf die Welt und „erst“ 1995 nach Neustadt in Sachsen kam, ist er eben „der Rumäne“. Anfangs, als Kind, sei das noch gegangen, sagte der 28-Jährige am Montag als Zeuge vor Gericht aus. Später jedoch, mit 16, 17 Jahren, sei er wegen seiner Herkunft immer wieder Opfer von Fremdenfeindlichkeit geworden. Er sei beleidigt und auch körperlich angegriffen worden.

 

Den schlimmsten Übergriff erlebte er wohl am 18. Juni 2016 beim Sonnenwendfest des Schalmeien-Orchesters im Neustädter Ortsteil Polenz. Spätabends sei er dort von mehreren Männern niedergeschlagen worden, die er nicht erkannt habe. Er habe sich sofort am Boden zusammengekauert, wo die Täter auf ihn eingetreten hätten. Später, das habe er sich von anderen erzählen lassen, hätten die Schläger ihn sogar hochgehoben, weil jemand gerufen habe, die Schläger sollten aufhören, der Mann liege doch schon am Boden.

 

„Wieso, der steht doch“ oder Ähnliches hätten die Täter höhnisch geantwortet – und weitergeprügelt. So steht es auch in der Anklage gegen drei Männer (24, 33, 38), die sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Verwendens von Nazi-Symbolen vor dem Landgericht Dresden verantworten müssen. Dem 33-jährigen Sebastian K. wird darüber hinaus versuchter Mord vorgeworfen, weil er einem 30-jährigen Bulgaren mehrfach mit einem Bierseidel auf den Kopf geschlagen haben soll, als der bereits regungslos am Boden gelegen habe. Insgesamt sollen die Angeklagten drei Männer – zwei Bulgaren und den 28-jährigen Deutschen, der auch in der Anklage als Rumäne bezeichnet wird – brutal zusammengeschlagen haben. Als Motiv wird ihnen Hass auf Ausländer vorgeworfen. 

 

Teils kurioses Schweigen


Der 28-jährige Zeuge sagte nun, er sei auch schon in früheren Jahren einmal beim Polenzer Sonnenwendfest angegriffen worden. Er habe das der Polizei gemeldet, es sei jedoch nichts herausgekommen. Am Montag erkannte er nur den 38-jährigen Angeklagten Maik R. wieder, weil er auch von ihm schon beleidigt worden sei.

 

Der Prozess läuft seit 20. April vor der Schwurgerichtskammer. Bislang wurden die Angeklagten nicht zweifelsfrei als Täter erkannt. Zeugen, die in Polizeivernehmungen kurz nach der Tat viele Details nannten, machen nun mit teils kuriosen Begründungen geltend, sich nicht mehr erinnern zu können. Am Montag vernahm das Gericht eine 15-jährige Schülerin. Dabei stellte sich heraus, das sie der Polizei Dinge „vom Hörensagen“ berichtete, angeblich aber keine eigenen Wahrnehmungen. Der Vorsitzende Richter Herbert Pröls kritisierte die „Vernehmungstechnik“ der Beamten. Andere Zeugen, gestandene Männer aus Polenz, sagten auch schon, sie hätten Angst gegen die Angeklagten auszusagen. Der Prozess wird fortgesetzt. Es gibt noch viele Zeugen zu vernehmen.