War Stephan Humer früher Spitzel in linken Zusammenhängen?

Stephan Humer

(Einige Links verweisen auf die Webseite von Stephan Humer)

Im Internet kursiert die Ankündigung zu einer Tagung des "Netzwerks Terrorismusforschung" (NTF), die demnach am 14. und 15. März 2013 im Arbeitsbereich Internetsoziologie der Universität der Künste Berlin abgehalten wird. Forschungsleiter und Gründer dieses Arbeitsbereichs ist Stephan Humer, der vor einigen Jahren als Spitzel in linksradikalen Zusammenhängen geoutet wurde. Humer verantwortet die Tagung offensichtlich, denn ihm obliegen die jeweils einleitenden und abschließenden Worte. Außerdem hat er die Ankündigung im Internet verbreitet.

 

Humer wurde im März 2007 in der Berliner Interim geoutet. Unter der Überschrift "V-Männer im Berliner Sozialforum" wurde ein erklärender Artikel veröffentlicht, der aber nicht vom (inzwischen nicht mehr existenten) Sozialforum selbst erstellt wurde. Damals hatte der ebenfalls im Sozialforum mitarbeitende Politologe Peter Grottian (der vom Verfassungsschutz ausgeforscht wurde) die Identität von drei Spitzeln in Erfahrung bringen können, deren Namen aber aus unterschiedlichen Gründen für sich behalten. In der Interim wurden dann Stephan Humer und Erhard "Abi" Abitz genannt.

 

Humer war zudem in der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm aktiv. Er beteiligte sich an Treffen zum Aufbau von Antirepressionsstrukturen, ohne dass er selbst einer Gruppe angehörte. Auf Nachfrage hat er nie etwas Intelligentes vorgetragen, was seine Mitarbeit erklären würde. Möglich wären beispielsweise soziologische Studien für die eigene Arbeit: Zu jener Zeit hatte er gerade seine Diplomarbeit "Das Imaginäre im Internet" abgeschlossen, was wenig mit der linksradikalen Vorbereitung auf Heiligendamm zu tun haben dürfte.

 

Möglich, dass er vom Verfassungsschutz oder der Polizei als Informant angeworben wurde. Dass er als verdeckter Ermittler unterwegs ist, also im Staatsdienst steht, ist angesichts seiner mittlerweile umfangreichen Vita unwahrscheinlich. Humer hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe weder bestätigt noch entkräftet (außer beim Sozialforum, wo er sie, im Plenum damit konfrontiert, aggressiv abstritt). Sollten sie zutreffen bleibt unklar, für wen er gearbeitet hat. Dies herauszufinden war unter anderem der Zweck einer Klage eines damaligen Angehörigen des Sozialforums. Der Verfassungsschutz sollte Unterlagen veröffentlichen, was aber gerichtlich abgelehnt wurde.

 

Mehrfach hat Humer versucht, am Rande linker Zusammenhänge Fuß zu fassen. Er betreute zeitweise eine Kolumne im "Freitag", die sich mit dem Internet, den Piraten und dem Chaos Computer Club (CCC) beschäftigt. Beim CCC war er offenischtlich auch regelmässig bei dessen Konferenzen zugegen. Bei anderen Gelegenheiten suchte er die Nähe anderer Personen die sich mit Bürgerrechten und Datenschutz beschäftigen, darunter Markus Beckedahl und Angelika Beer.

 

Das Internet und das Digitale markieren Humers hauptsächliche Inhalte. Letztes Jahr nahm er an einer Konferenz der Polizeihochschule Münster teil, die zusammen mit der Industrie abgehalten wurde. Es ging um die "technologische Fortentiwcklung" der Polizei. Er befasst sich auch mit Überwachungstechnologie, die er nicht grundsätzlich ablehnt. Stattdessen fordert er beispielsweise, auch Datenschützer an deren Entwicklung zu beteiligen.

 

Dies dürfte seine Teilnahme an einem Forschungsprojekt des Bundeskriminalamts erklären: Unter dem Namen "Multi-Biometriebasierte Forensische Personensuche in Lichtbild- und Videomassendaten" (MisPel) entwickelt das BKA Technologie zum Durchsuchen seiner Lichtbildbestände. Fotos aus dem Internet oder von Videos im öffentlichen Raum können mit Polizeidatenbanken abgeglichen werden - ein aus Sicht des Datenschutzes ungeheuerlicher Vorgang. Das BKA wendet die Technik bereits an.

 

Auf seiner Webseite dokumentiert Humer mehrere ähnlich kritische Sicherheitsforschungsprojekte: BaSiD, FESTOS, Forschungsforum Öffentliche Sicherheit, MuViT, PRESCIENT, PRISMS, Resilien-Tech, SAPIENT, SIRA, SurPRISE und SURVEILLE. Anscheinend verlinkt er die Projekte, um die Initiative "European and International Experts Network" bekanntzumachen, deren Mitglied er ist. Es handelt sich dabei laut Humer um ein nicht-öffentliches Netzwerk von "Experten", das sich wahrscheinlich mit der soziologischen Überprüfung von Projekten der Sicherheitsforschung profiliert.

 

Die jetzt ausgerichtete Tagung steht keinem Zusammenhang sonstiger Aktivitäten von Stephan Humer. Einziger roter Faden ist das Internet, um das es in einigen der Workshops geht. In Workshops wird erörtert, inwiefern Kontrolltechnologie von gesetzlichen Anforderungen abweicht ("Die Gesamtbevölkerung als Adressat IuK-basierter Anti-Terror-Maßnahmen", "Die Bedeutung des Policy‐Timings für die Einführung des IMSI‐Catchers"). Die Tagung schwadroniert vom "Cyberterrorismus", was in der Bloggosphäre als Kampfbegriff von Law and Order zur Überwachung und Kontrolle des Internet kritisiert wird: Nirgends ist bislang etwas über einen "cyberterroristischen" Anschlag berichtet worden. Humer will dem wohl etwas entgegensetzen, indem er den Begriff salonfähig macht.

 

Das "Netzwerk Terrorismusforschung" ist alles andere als ein emanzipatorisches Projekt. Laut Selbstbeschreibung handelt es sich um einen "Zusammenschluss von mittlerweile über 200 jungen WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Fragen und Problemen aus dem Themenbereich Terrorismus und Terrorismusbekämpfung befassen. Es soll Kontakte schaffen und als Forum dienen für Ideen- und Informationsaustausch, Projektvorstellungen und gemeinsame Projekte".

Wir fordern Humer auf, sich endlich zu seiner unklaren Tätigkeit in linken Zusammenhängen 2006 und 2007 zu erklären. Wir werden nicht locker lassen, ihn zu beobachten und immer wieder Berichte über seine aktuelle Tätigkeit verfassen. Bis dahin gehen wir davon aus, dass die Vorwürfe von damals zutreffen.

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Wir haben das PDF zur Tagung des "Netzwerks Terrorismusforschung" (NTF) gespiegelt.

Das Original: internetsoziologie.at/de/data/NTF-WS12-Programm.pdf

 

Beim Link hinter "Konferenz der Polizeihochschule Münster" fehlte die URL. Die Adresse kann gerne nachgereicht und von uns eingebaut werden, so haben wir den defekten Link rausgenommen

Hier ist der "Call for Papers" der besagten Tagung:

 

Call for Papers
12. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung (NTF)

Schwerpunktthema: Terrorismus A/D: Wechselwirkungen zwischen analoger und digitaler Sphäre


Ort und Zeit: Der 12. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung (NTF) findet statt am 14./15. März 2013 im Arbeitsbereich Internetsoziologie (Institut für zeitbasierte Medien, Fakultät Gestaltung) der Universität der Künste Berlin

 

Zum Thema: Cyberterrorismus ist kein neues Phänomen: nicht erst seit der Hochphase des islamistischen Terrors rund um 9/11 dürfte allgemein bekannt sein, dass alle Beteiligten - Staaten wie Terroristen - versuchen, das Internet massiv für ihre Zwecke zu nutzen, beispielsweise auf der Propaganda- oder der Rekrutierungsebene. Aufgrund dieser Entwicklungen ist auch der Begriff des Cyberkrieges nicht neu: "Cyber"-Phänomene dieser Art wurden in den letzten Jahren teilweise sehr intensiv ausgeleuchtet, Begrifflichkeiten geprägt – und Szenarien realisiert. Was jedoch fehlt, ist eine gleichberechtigte Analyse der Wechselwirkungen zwischen analoger und digitaler Lebensrealität, sprich: ein Ausleuchten der Pfade zwischen neuen Cyber-Phänomenen und „alter Welt“. Dabei erscheint es zwingend notwendig, den Terminus der Wechselwirkung besonders zu betonen. Es geht also nicht um Einbahnstraßen, sondern um permanentes Pendeln zwischen den Polen: Wie prägt beispielsweise Digitalisierung ein kulturelles/rechtliches/soziales Bild von Terrorismus und wie prägt diese (erneuerte) Sichtweise wiederum die digitale (Anti-)Terror-Arbeit? Wie stark sind diese Wechselwirkungen in den unterschiedlichen Bereichen, welche Akteure dominieren bzw. werden dominiert, welche Faktoren spielen hier eine besondere Rolle und wann haben sich welche Wechselwirkungen wie (nicht zuletzt in der „analogen“ Welt) manifestiert? Der kommende Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung (NTF) möchte dazu einladen, auf gewohnt multidisziplinärer Ebene die Wechselwirkungen zwischen analoger und digitaler Sphäre in Hinblick auf Terrorismus und Extremismus auszuloten.
Dabei ist die Veranstaltung natürlich wie immer nicht nur auf diesen Themenbereich beschränkt, sondern soll auch Raum für andere terrorismusbezogene Vorträge und Arbeiten bieten. Insbesondere Promovierende laden wir ein, ihre Projekte in diesem Rahmen vorzustellen.

 

Beiträge und Deadline:
Die Beiträge sollten einem Vortrag von bis zu 30 Minuten Länge entsprechen. Im Anschluss ist jeweils eine Diskussion von 30 bis 45 Minuten Länge vorgesehen. Abstracts (ca. 500 Wörter) senden Sie bitte bis zum 31. Dezember 2012 an humer @ udk-berlin.de
Eine Tagungsteilnahme ohne eigenen Vortrag ist möglich; auch in diesem Fall ist jedoch aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl eine namentliche Anmeldung bis zum 31. Dezember notwendig. Gegebenenfalls wird zur Deckung anfallender Kosten eine geringe Tagungspauschale erhoben. Das Programm und weitere Informationen zum Workshop werden Anfang Februar bekanntgegeben.

 

Zum Netzwerk Terrorismusforschung:
Das Netzwerk Terrorismusforschung (NTF) ist ein Zusammenschluss von mittlerweile über 300 jungen WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Fragen und Problemen des Themenbereichs Terrorismus und Terrorismusbekämpfung befassen. Es soll Kontakte schaffen und als Forum dienen für Ideen- und Informationsaustausch, zur Vorstellung von Projekten sowie deren gemeinsamer Initiierung, Planung und Realisierung. Das zentrale Werkzeug ist neben der Website und dem Mailverteiler der halbjährlich stattfindende Workshop. Auf diesem können laufende wie abgeschlossene Arbeiten sowie Projekte präsentiert und diskutiert werden. Das Netzwerk Terrorismusforschung steht darüber hinaus Interessierten aus Medien, Verwaltung und Politik offen und bei Anfragen – z.B. für den Kontakt mit Experten bei spezifischen Fragen – zur Verfügung.

 

http://www.netzwerk-terrorismusforschung.de

 

SprecherInnen des Netzwerks Terrorismusforschung:
Justyna Nedza (Bochum)
Sebastian Baden (Karlsruhe)
Bernd Zywietz (Mainz)

 

Workshop-Kontakt:
Dr. Stephan G. Humer
Universität der Künste Berlin
Grunewaldstr. 2-5
10823 Berlin

Als einer der damals im Berliner Sozialforum Bespitzelten kann ich bestätigen, dass Humer dort einen höchst zwiespältigen Eindruck hinterlassen hat. Er war seinerzeit nicht bereit, an der Aufklärung des gegen ihn bestehenden Verdachts konstruktiv mitzuwirken (sollte man von einem Soziologen nicht etwas soziale Kompetenz erwarten können?); seine Erklärungen waren teils widersprüchlich und unglaubhaft. Dies wurde im BSF allerdings als nicht hinreichend angesehen, um ihn öffentlich namentlich zu benennen. Er war übrigens soweit bekannt keine der 3 Personen, die sich Peter Grottian gegenüber offenbarten. Ich hätte eher erwartet, ihn nach 3-4 Jahren als Dozent an der Fachhochschule des Bundes wiederzufinden.

 

Ob er im BSF eigene soziologische "Feldforschung" betrieben hat oder dies im Auftrag eines Amts getan hat - oder beides zusammen -, kann nur er selbst beantworten. Seine folgende Tätigkeit weist ihn jedenfalls als jemanden aus, der sich durchaus wohl fühlt in der Grauzone zwischen Sicherheitsbehörden und soziologischer Forschung. Als "echter" Wissenschaftler vermeidet er eigene politische Positionierung, ein bisschen davon lässt er durchblicken in einem auf seiner Webseite verlinkten Interview http://www.kiezbiografien.de/2012/07/kb010-stephan-ist-internetsoziologe/ (ab ca. Minute 47). Es scheint, als wolle er sich mit seiner "Internetsoziologie" ein Parallelfeld zu dem seit Jahren aktiven soziologischen Sicherheitsmilieu rund um die "Extremismusforschung" à la Backes, Jesse, Pfahl-Traughber schaffen!? Igitt!

ihr seid ja mal ein super haufen schmalspur "rechercheure" ... da muss mensch sich ja nicht wundern, wenn die linke so mies dasteht, wenn so spezis wie ihr nicht mal lesen koennt ... : das videoprojekt von diesem typen hat nix mit dem bka zu tun, sondern dem "bmbf". das ist das forschungsministerium, keine bullen!

 

"Stattdessen fordert er beispielsweise, auch Datenschützer an deren Entwicklung zu beteiligen" wow, das klingt ja ultraboese. seid doch froh, wenn er so soft an die sache rangeht und nicht nach law&order schreit.da setzt sich mal einer fur datenschutz ein und ihr findet das verwerflich? tolle logik.

 

"Die jetzt ausgerichtete Tagung steht keinem Zusammenhang sonstiger Aktivitäten von Stephan Humer. Einziger roter Faden ist das Internet, um das es in einigen der Workshops geht." habt ihr die vita wirklich mal gelesen oder labert ihr nur schraeg daher? anscheinend ersteres.

 

"Wir werden nicht locker lassen, ihn zu beobachten und immer wieder Berichte über seine aktuelle Tätigkeit verfassen. Bis dahin gehen wir davon aus, dass die Vorwürfe von damals zutreffen." aha. welcher loner hat denn hier wieder mal zu viel zeit gehabt, um sich so einen quark auszudenken?

 

sorry, aber so macht sich eine "recherchegruppe" nur laecherlich.

Purzelchen; das Projekt ist zwar vom BMBF und  läuft dort unter "Bewilligte Verbundprojekte aus dem Themenfeld 'Biometrie'". Aber das BKA ist dort federführend.

 

Und wir kritisieren nicht, dass Humer sich für Datenschutz engagiert. Sondern, dass er Überwachungsprojekte durch seine Teilnahme unter diesem gesichtspunkt erst legitimiert, und die Kritik von unabhängigen DatenschützerInnen, aber auch Netzaktivismus dadurch unterminiert. Humer schwingt sich zum Sprecher auf.

 

Das mag dich nicht anfechten, aber du bist auf einem linken Portal, das spielt für uns also schon eine Rolle.

 

Naja, und als recherchegruppe gibt es uns schon seit 6 Jahren. Alle zwei Jahre schreiben wir was dazu, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Schöne Grüße!

Sorry, aber für mich liest sich das alles wie ein etwas wirrer Streit zwischen Personen, die sich nicht riechen können.

 

Echte Fakten gibts keine, mal wird gesagt, er ist ein Spitzel, dann wird relativiert, weil es ja keine Fakten gibt. Dann wird das BKA ins Spiel gebracht, welches in der Tat keine Rolle bei den genannten Projekten spielt (die haben eigene Forschungsgruppen und mischen bei BMBF-Forschung nicht mit), dann gefällt jemandem nicht, dass jemand zum Thema Datenschutz forscht, weil er sich damit zum "Sprecher" aufschwingt ... Sind solche Zwistigkeiten zwischen Individuen wirklich linke Politik?

das ist kein neues phänomen,sondern bekannt als wieselworte.

Nun will er das NTF sogar zum Verein machen: http://www.heise.de/tp/artikel/38/38809/1.html

Der Punkt ist doch, dass der "Terrorismusforscher" niemals durchblicken ließ, was er beim Sozialforum und den G8-Antirepressionsstrukturen wollte. Jetzt in den Kommentaren zu behaupten, hier könne sich jemand nicht riechen, ist albern. Viel näher liegt die Spitzelei in Strukturen, die BKA, VS und später die GBA für eine terroristische Vereinigung haftbar machen wollten. Hat wie üblich nicht funktioniert, aber 80.000 Seiten Akten produziert.