Ideen und Methodik gegen das Justizzentrum [München]

Ideen und Methodik gegen das Justizzentrum

r ein Ende der Passivität und der Zurückhaltung in Zeiten der Befriedung - Jede Macht strebt danach ihre Herrschaft über die Individuen und das Terrain auszubauen, zu si­chern und zu erweitern. Damit treibt sie sich stän­dig selbst dazu an ihren Einfluss zu vergrößern. Staaten sind laufend darum bemüht ihr Staatsgebiet und ihren Einfluss zu erweitern und ihre Interessen in im­mer weiteren Territorien zu verfolgen. Einmal geschieht das durch militärische Besetzung, also Krieg, sowie durch die Eroberung auf ökonomischer Ebene, also das Treiben in die ökonomische Abhängigkeit, die es erlaubt auch die Macht des Staates auszudehnen.

Die erwähnten Strate­gien, um diese Kriege zu führen – weil es nichts anderes als Krieg ist – richten sich gegen die eigene Bevölker­ung, finden aber auch außerhalb der eigenen staatlichen Grenzen statt. Zu dieser offenen – bis wenig versteckten – Form der Unterwerfung kommt das Einschreiben der Idee der Herrschaft und die Illusion über ihre Natürlich­keit und Notwendigkeit, also der ordnenden staatlichen Autorität – aber nicht nur – in die Köpfe der Menschen. Die Macht baut sich selbst durch die Indoktrinierung und Verbreitung der Ideologie der Herrschaft aus und verewigt sich immer stärker, je mehr ihr die Verinner­lichung gelingt, die sie von ihren Untertanen benötigt. Und so sehen wir uns mit dem Ausbau und der Restruk­turierung der repressiven Strukturen auf dem gesam­ten Planeten, zunehmender Überwachung durch neuste Technologien, – die aus militärischen Zwecken entwickelt wurden, aber um eben auch die Kontrolle über die Indiv­iduen zu erlangen, mit zivilen Zwecken versehen – dem Ausbau immer schnellere und effizientere Netzwerke des Transports, um die immer enger gestrickten Terminpläne und die Anpassung an die flexiblen Zwänge, denen immer weitere Teile der arbeitenden Bevölkerung unterwor­fen werden, zu ermöglichen und zu verwalten – also den sich ständig entwickelnden Anforderungen der Ausbeu­tung und Sklaverei anzupassen – und die Ausbeutung in Echtzeit zu synchronisieren, konfrontiert. Dazu kommt die immer umfassendere und überall präsente staatliche Propaganda zur Selbstlegitimierung, Abgrenzung gegen „äußere Feinde“, immer neuere und kühnere Verspre­chen der Fortschrittsideologie und Denunzierung jeder freiheitlichen und anti-staatlichen Bestrebungen. Auch wenn diese Entwicklungen nichts Neues sind, so nehmen sie mit der Entwicklung der Möglichkeiten zur Aufrech­terhaltung der eigenen Herrschaft immer weiter zu, die Herrschaftstechniken verfeinern sich auf allen Ebenen und immer mehr Variationen und (Er)Neuerungen gesel­len sich zu den alten Methoden dazu. Der Werkzeugkas­ten der Machterhaltung wird immer umfangreicher und es gelingt immer deutlicher weitere Aspekte des Lebens zu integrieren. Vor uns liegen ungemütliche Zeiten, für den Kampf für Freiheit und Umwälzung, aber auch für das tägliche Überleben.


Die Idee der Herrschaft braucht einen Träger, ohne ein­en Wirt ist sie nichts, und findet sie diesen, so infiziert sie ihn mit dem Willen zur Macht und beginnt auch so­fort diesen Menschen zu korrumpieren und zu verein­nahmen. Daher ist der Wille zur Macht ein expansiver Wille, der sich mit allen Mitteln das dienstbar macht und unterwirft, das seinen Zwecken der Ausübung und Aus­dehnung von Herrschaft nützt. Ein auf Macht(-verhält­nissen) basierendes System wird daher nur solange ne­ben einem anderen existieren, bis es ausreichend Kraft besitzt um zu unterwerfen und solange die Existenz einer anderen Macht neben sich keinen (Aus-)Nutzen ergibt. Die Idee der Herrschaft gelangt nicht natürlicher Weise an ihr Ende, eher gerät sie in eine Krise und erneuert sich selbst, sie bleibt immer eine Gefahr deren Aufkom­men immer aufs Neue bekämpft werden muss. Sie ist der Idee frei miteinander in Beziehung zu treten entgegeng­esetzt und stirbt daher nicht ab. Stattdessen infiziert er die Menschen, korrumpiert sie und zwingt sie dazu ihre eigenen Ideen zu verraten. Aufgrund dieser Erkenntnis, scheuen Anarchisten – anders als Kommunisten – jede Art von Macht von Menschen über Menschen und lehnen sie ab; denn sie vergiftet das Individuum und seine Bezie­hungen. Nicht einmal vorübergehend wollen wir Macht über andere in unseren Händen halten, weil sich auch aus einem temporären Herrschaftsverhältnis, ein Verhältnis permanenter Herrschaft und Unterdrückung entwickelt und so selbst im Namen der Freiheit Herren und Sklaven existieren. Wie sollte man denn Freiheit mit unfreien Mit­teln erkämpfen oder bestimmen und festlegen?! Welche Freiheit ist das denn, zu der man die Menschen zwingen muss? Herrschaft wird also nicht von selbst ihre Existenz beenden. Dafür wird ein gewaltsames Zu-Ende-bringen nötig sein.


Die Herrschaft baut ständig ihre Macht aus und ver­schärft somit die Bedingungen unter denen wir kämpfen und leben müssen. Und solange es die Möglichkeit gibt Momente der Freiheit zu erzeugen, sollten wir diese Ge­legenheiten oder Möglichkeiten auch nutzen und ver­suchen sie immer wieder zu kreieren um die Idee der Freiheit am Leben zu erhalten und zu verbreiten. Das eigene Untätig-Bleiben und Abwarten damit zu rechtfer­tigen, dass die Zeit noch nicht reif sei, ist nichts anderes als religiöses Verhalten par exellence. Nur die eigenen Kämpfe, die Brüche mit der Herrschaft und die Revolten ermöglichen die Verbreitung selbstbestimmter Mittel zu leben und zu kämpfen, sowie den Gedanken der Freiheit, ohne Herrschaft leben zu können und zu wollen. Nun aber, das zu verschieben und die Hoffnung auf die glück­liche Fügung eines Schicksals zu legen, ist genau dieses Spiel mit dem Tod, das jede Religion spielt und den Mo­ment, (in) dem man (er)lebt immer wieder in die Zukunft, ins Paradies, den Himmel, die Utopie verlagert. Aber mit dieser Art von Zaubertricks und Illusionierungen haben wir nichts zu schaffen. Unser Interesse liegt im Heute, allerdings mit einem analytischen Blick auf vergangene Kämpfe und die Erfahrungen, die gemacht wurden und den Gedanken bei den Mitteln und Methoden, die wir an­wenden wollen und die keiner zukünftige Macht den Weg ebnen sollen, die unserer vagen Vorstellung von Freiheit entsprechen. Die Frage ist also was können wir heute machen, um diese Brüche zu kreieren, die diese Momente der Freiheit erlauben?


Zweifelsfrei wollen wir die Revolution, die vollständige Zerstörung jeder Macht und der Beziehungen, die sie erzeugt und aufzwingt. Sie ist eine Notwendigkeit. Die Verbreitung von Feindlichkeiten, Ablehnung und Ideen der Freiheit, aber auch das Wissen darüber wie diese Welt funktioniert und wie lebensfeindlich diese Welt der Herrschaft eigentlich ist und auf welchen Grundlagen sie basiert, die Generalisierung selbstbestimmter Methoden des Kampfes und des Lebens können Aufstände und Rev­olutionen provozieren.


Wir wollen also Kämpfe führen und entwickeln, die in ihrem lokalen Kontext einen Realitätsbezug haben, das tatsächliche Gesicht der Herrschaft offenlegen und auf einen Bruch mit der Herrschaft und ihren Unterwer­fungs- und Rekuperationstechniken durch die Verbreit­ung anarchistischer Methoden abzielen.


Unser Leben wird fremdbestimmt und wir kämpfen um uns unser Leben anzueignen und es auf unseren eigenen Grundlagen zu bestimmen und zu formen. Wir bewegen uns auf einem Terrain auf dem die Zeit und der Raum also unser tägliches Tun mit Rückblick auf Vergangenes und Blick auf die Zukunft durch die Herrschaft, ihre Ter­mine und ihre Zwänge definiert wird. Das heißt um et­was zu tun, müssen wir zuallererst die Erlaubnis und die Bewilligung bei den Autoritäten erbitten, die uns Dinge verbieten. Spätestens seit den Revolutionen, die die sta­atliche Macht lediglich unter andere Vorzeichen setzen wollten, ist klar, dass die staatliche Autorität nicht durch eine andere provisorische ersetzt werden darf und das wichtigste, was sich herausstellt, ist: sie ist keine rein physische Struktur mit einem festen Zentrum. Die Macht ist eine Idee die sich in den Köpfen der Menschen fest­setzt, sie korrumpiert und sich als Beziehung in und als die menschlichen Beziehungen einwebt. Dieses Netzwerk aus Strukturen, Institutionen, Menschen und fixen Ideen zeigt sich überall, es umspannt das gesamte Terrain der Herrschaft. Und innerhalb von diesem ist alles geordnet, klassifiziert, eingeteilt und festgelegt, also wenig dem Zu­fall überlassen. Die Herrschaft kann Kämpfe und Revolt­en verstehen und berechnen, die sich an ihrem Modell orientieren und wie sie funktionieren, also Revolten und Kämpfe, die sich autoritär organisieren. Bei diesen wird die Auseinandersetzung zu einem militärisch bestreitba­ren Konflikt, der durch die Fragen über die Schwere der Waffen und der Menge des menschlichen Kanonenfutters entschieden wird. Es kann keine Interesse von uns sein, dass die Herrschaft unsere Kämpfe versteht, berechnen und manipulieren kann, deswegen ist es eine Notwen­digkeit sich seine eigenen Plätze und Orte zu suchen auf denen wir entscheiden, wie und wann wir zu schlagen, um uns einen Moment der Freiheit zu erkämpfen und zwar in­dem wir die Herrschaft für einen kurzen Augenblick von ihrem Terrain vertreiben. Da sich die Herrschaft nicht nur in den Sitzen der Regierungen kristallisiert, sondern ein das gesamte Terrain umspannendes feines Netzwerk bildet und folglich überall angreifbar ist und Protest nur duldet, solange dieser im erlaubten Rahmen und an den Tagen stattfindet, die ihm zugeteilt werden, befinden wir uns in einer permanenten Konflikthaltung, die weder Erlaubnisse, Anfragen, Begrenzungen oder Vorschriften kennt und wir unsere Methoden und Mittel, Zeiten und Orte mit denen und an denen wir kämpfen und handeln wollen, unabhängig von äußeren Einflüssen bestimmen je nach unseren eigenen Überlegungen festlegen.


Ich denke nicht, dass sich die Herrschaft, indem wir sie bitten, der Freiheit weichen wird. Auch auf einer Grun­dlage unserer Wut und Ablehnung – vielmehr unseres Protests, der ja erlaubt ist – Ausdruck zu verschaffen, die sie definiert wird nur unserer Integration dienen oder im extremsten Fall zu einem Formwechsel der Herrschaft führen. Man kann kaum noch, bei allem was man sieht, überzeugt davon sein, dass es genüge eine ausreichend starke Gegenmacht aufzubauen, die es nicht wagt zu handeln und somit die Herrschaft automatisch von ihrer Stellung verdrängt um das Reich der Freiheit – unter einer neuen Herrschaft, nämlich der Gegenmacht – einzuläuten. Auch ist das Verklären der Gewaltfreiheit zur Tugend, um die eigene vermeintliche moralische Überlegenheit einer auf Gewalt basierenden Logik ge­genüber zu stellen, eine Illusion die aus religiösen Über­zeugungen stammt und sich lediglich – unfreiwillig oder wissentlich – als dankbarer Partner bei der Erhaltung einer gewaltvollen Welt erweist. Religiös deswegen, weil sie die Trennung zwischen guten Verhalten, das in den Himmel (beliebig austauschbar mit Utopie, Paradies, etc.) und schlechtem Verhalten, das die angebliche mor­alische Überlegenheit zunichte macht festlegt und dabei aber den Blick für die Umstände verliert in denen wir uns befinden und kämpfen. Die Herrschaft befindet sich in einem ständigen Kriegszustand gegen die Feinde der Herrschaft oder jene, die ihr befriedetes Funktionieren gefährden. Dieser Krieg wird innerhalb sowie außerhalb geführt. Richtet sich aber auch zu Zeiten gegen andere Herrschaftssysteme, deren Macht und Einfluss ihre In­teressen durchkreuzen. Demokratie und Diktatur, sind verschiedene Formen der selben Vorstellung – Glaube an eine notwendige das Zusammenleben ordnende, regelnde und bestimmende Instanz – und können solange nebene­inander existieren bis ihre Willen zur Macht miteinander in Konflikt geraten. Dieser Kriegszustand wird lediglich durchschnitten von kurzen und trügerischen Perioden scheinbaren Friedens, in denen sich auch immer zeigt, wie friedvoll die Herrschaft gegen ihre Untertanen vorge­ht. Ausgerüstet mit Zuckerbrot und Peitsche, wird eine Macht nicht von ihrer überlebensnotwendigen Gewalt ablassen nur, weil man sie darum gebeten hat, die zweite Backe zu verschonen, nachdem man ihr die erste hinge­halten hat. Um Momente der Freiheit zu erzeugen, müssen wir mit Gewalt die Herrschaft vom Terrain vertreiben, ihr Funktionieren durchbrechen und sie auf einen asymme­trischen Konflikt, nicht ein militärisches Kräftemessen, herausfordern. Es ist nichts weniger als die Verbreitung und Generalisierung von Angriffen, die die Voraussetzu­ng für einen revolutionären oder aufständischen Bruch ist. Ein Angriff ist durch die Sprachrohre und Helfer der Herrschaft schwer zu verklären, noch durch ihre willi­gen Handlanger, also die ganzen Organisatoren, Politiker und Führungspersonen zu instrumentalisieren und ihren Zwecken dienstbar zu machen. Ein Angriff selbst bleibt eine konkrete Tat, während es die Autoren sind, die zur Zielscheibe von ideologischen Verurteilungen werden und sich auf die staatlichen Grundordnungen berufen wird, innerhalb derer jeder nicht demokratische Angriff das Werk Wahnsinniger sein muss.


Ein Aufstand oder ein kleinerer Angriff auf die Herrschaft und ihr System der Ausbeutung und Unterdrückung, der nicht selbstorganisiert ist, ist nichts weiter als ein Exz­ess der Unterdrückten zur Perfektionierung ihrer der­zeitigen Situation. Mit einem nicht selbstorganisierten Angriff meine ich einen Putsch, einem Aufstand der Be­fehlen folgt oder etwas höherem gewidmet ist und damit die Selbstorganisation in den Dienst einer, für alle exist­ierenden Heiligkeit stellt. Dieser kann nichts anderes als ihre Unterdrückung zu reproduzieren und die Herrschaft durch eine andere Herrschaft zu ersetzen, die ihnen leg­itimer erscheint. Selbstorganisation ohne aufständische Ausrichtung, also ohne der Absicht anzugreifen und die selbstorganisierten Angriffe zu verbreiten, geht nicht über das bloße Organisieren eines Aspekts unsere tägli­chen Unterwerfung hinaus. Ausbeutung existiert weiter, auch wenn wir unsere Ausbeutung selbstorganisieren und weiterhin den kapitalistischen Zwängen verkaufen. Das stellt keine Gefahr für die Herrschaft dar. Selbst­organisierung bedeutet für mich, sich ausgehend von den individuellen Initiativen und Willen zusammenzus­chließen und somit eine Struktur zu schaffen, die allein für den Zeitraum bis zur Erreichung ihres Ziels besteht für das sie geschaffen wurde, die anpassungsfähig ist für sich verändernde Gegebenheiten und anders als Parteien, Gewerkschaften und andere auf das bloße Wachstum aus­gerichtete Organisationen, auf der Förderung der indivi­duellen Initiative gründet. In der es keine feste Organisa­tionsstruktur gibt und jedem eine andere Rolle zugeteilt wird und somit zur Bürokratisierung und damit Ausbil­dung eines Verwaltungsapparates tendiert, sondern die nur die Individuen einbindet, die auch tatsächlich an den Handlungen beteiligt sind, die mit Perspektive auf das an­gestrebte Ziel in dem einen spezifischen Augenblick als notwendig und sinnvoll erachtet werden. Alles andere be­dingt in Konsequenz die Herausbildung von Spezialisten, und dadurch entstehen in einer formal hierarchiefreien Struktur Hierarchien. Die Initiativlosigkeit wird immer auch durch die Organisationsstruktur bestärkt und er­laubt, und die Inititativlosen sind die ersten Gründe für das Entstehen von Herrschaft. Und endlich, da wir keinen Dialog mit der Herrschaft suchen, sondern einen Kampf auf Leben und Tod, kann es logischerweise auch keinen Dialog mit ihr geben und deshalb benötigen wir – auch aus strategischen Gründen – keine Arten der Delegation und Repräsentation. Die Vielfalt unserer Stimmen und Willen kann in der Zusammenfassung und damit in der Abstrahierung, die jede Delegation bedeutet, nur leiden. Selbstorganisation bedeutet also keine Vertretung, sie ist eine vielfältige, sich mit dem Ziel wandelnde infor­melle Struktur, die keine Namen und Ausweise kennt, sondern nur die gemeinsame Ablehnung, den Willen zu handeln und gegenseitiges vertieftes Wissen und muss notwendigerweise von der Autonomie der Einzelnen aus­gehen.


Der Unterschied zwischen einer Affinitätsgruppe und jeder anderen Art von Gruppe ist das, was sie formt. Eine Gemeinschaft, die im gewissem Sinne aus Selbstzweck besteht, die gebildet wird nur um sich dann für ein Ziel zu entscheiden, dieses zu erreichen nur um im Anschluss in dem gleichen festen Rahmen bestehen zu bleiben und in die Untätigkeit zurückzufallen bis sich das Kollektiv zu erneutem Handeln bestimmt sieht, ist mit einer Partei zu vergleichen. Eine Affinitätsgruppe setzt sich aus Indivi­duen zusammen, die Affinität teilen und diese durch das Sammeln von gemeinsamen Erfahrungen vertiefen, das heißt, die sich laufend über ihre Ideen austauschen, ge­meinsame Analysen und Kritiken entwickeln und diese mit ihren gewünschten Methoden in die Praxis umsetzen. Affinität ist ein gegenseitiges Wissen von dem jeweils an­deren, zusammengetragen durch Diskussionen und Stre­itereien, durch gemeinsame Handlungen und gemachte Erfahrungen. Sie kann sich so stark ausbilden, dass aus­geprägteres Handeln miteinander oder längerfristige Pro­jekte des Kampfes miteinander möglich werden, es kann aber auch zu einem Punkt kommen, wo es keine Möglich­keit mehr gibt gemeinsam im Rahmen eines Projekts zu handeln. Dieses gegenseitige Wissen ist aber nicht mit ge­genseitiger Sympathie zu verwechseln. Affinität existiert nicht einfach und lässt sich auf den ersten Blick erken­nen, wie man jemanden sympathisch findet, sondern setzt ein Verlangen in den Beteiligten voraus, ein Ver­langen danach zu handeln, sowie die Erkenntnis, das nur begrenzt alleine tun zu können und man sich deshalb auf die Suche nach Gefährten und Komplizen macht, denen es ähnlich geht. Ohne einen Willen und die individuelle Auseinandersetzung und Umsetzung der eigenen Ideen mit Wort und Tat, ist solch ein Unternehmen schwer zu meistern. Eine solche Person neigt wohl eher dazu sich in einen Rahmen einzunisten und anzuschließen, der au­tomatisch funktioniert, wird sich aber nicht in die Ausar­beitung seiner eigenen Ideen begeben und daran arbeiten über Dauer Beziehungen zu schaffen, die einer ständigen Weiterentwicklung und Vertiefung gewidmet sind, also Anstrengung und Zeit erfordern. Wenn wir über das Ver­tiefen von Affinität sprechen, reden wir also nicht von einem sehr kurzen Zeitraum der Entwicklung. Die stän­dige Vertiefung findet solange statt, wie der Austausch über Ideen existiert und die gemeinsame Praxis besteht, das ist kein Prozess mit einem Ende oder auf unendlich viele Gefährten ausdehnbar. Tatsächlich ist der Kreis an Menschen mit denen das möglich ist sehr begrenzt. Eine Affinitätsgruppe existiert aber nicht in einer festen Kon­stellation, sondern je nach Ausrichtung und Zielsetzung aus variierenden Individuen. Einzelnen kann es in einem Moment erscheinen als ob ihre Mittel und Kraft nicht genügend sind um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, da­her wird ein Individuum andere ihm vertraute Individuen aufsuchen und sie über sein Vorhaben in Kenntnis setzen und sich dabei an diejenigen wenden, die ihm oder ihr für die Durchführung am geeignetsten erscheinen und für den Augenblick des kollektiven Vorgehens seine eigene Kraft stärken und sich so mit der Aussicht auf dieses Ziel mehr Freiheit nehmen. Nur um anschließend die Gruppe in dieser Konstellation wieder aufzulösen, weil der Zweck erfüllt ist, sie somit ausgedient hat und es sinnlos wäre, sie aufrechtzuerhalten. Das heißt nicht, dass sich ihre Kraft in Luft auflöst und verloren geht. Da ihre Kraft nicht die Struktur selbst ist, sondern die Individuen, die sie zur gemeinsamen Erreichung eines Vorhabens ausmachen und diese gehen nicht „verloren“, solange ihr eigener Wille besteht selbst zu handeln. Auf diese Weise wird die Entwicklung und Förderung von uneigenständigen Indi­viduen vorgebeugt und das Herausbilden von Autorität verhindert.


Wenn sich ein Zusammenhang entscheidet ein Projekt des Kampfes zu entwickeln und zu realisieren, aber als einzige Kraft nicht dazu in der Lage ist das Projekt zu verwirklichen, also die Dinge, die notwendig sind, alleine nicht erledigen kann, diese Gruppe also die Dinge, die sie tun will, ganz tun will, anstatt sie halb zu machen, wird sie sich mit ihrem Vorschlag an ihr bekannte Affinitäts­gruppen oder Individuen wenden. Das bedeutet, dass im Rahmen eines Kampfes sich eine informelle Organisa­tion bildet, die sich aus Zusammenhängen und Individuen zusammensetzt, die mit ihrer eigenen Ausrichtung, Kraft und Idee, sofern der spezifische Vorschlag zum Kampf angenommen wird, ihre eigenen Initiativen einbringen, die sie als notwendig erachten. Mit der Perspektive und dem Ziel des Kampfes und der Übereinstimmung in den Methoden, die angewendet werden sollen, als minimal­er Fixpunkt zum gemeinsamen Handeln, ist den Gruppen und Individuen keine Grenze gesetzt. Ihr Handeln orien­tiert sich lediglich an dem vereinbarten Ziel, wird aber nicht im Rahmen eines Treffens oder Kongresses fest­gelegt und an diverse funktionalen Rollen verteilt. Die damit entstehende Vielfalt an Methoden, Mitteln und Ini­tiativen kreiert eine lebendige Dynamik, die eine Organ­isation mit einer Verwaltung, mit Mitgliedsausweisen, Delegation, Festlegungen bezüglich des Aktionsplans, Ausrichtung auf Wachstum und Zweck, der eigentlich die Organisation selbst ist – die also über das Erreichen ihres spezifischen Ziels hinaus existiert und zwangsläu­fig Selbstzweck wird, der entfremdet – nicht haben kann. Im Gegensatz zu einer derartigen Organisation neigt die informelle Organisation, da sie nicht über das eigene Ziel fortbestehen wird, keinen legalen Körper hat oder ist und die handelnden Individuen und Gruppen im Vordergrund stehen, zu vitaler Kurzlebigkeit, Agilität und Sicherheit vor den Schlägen der Repression. Die informelle Organ­isation hat kein Zentrum und auch nicht unbedingt re­gelmäßige Treffen und nimmt auch mehr den Charakter einer Koordinierung ein, eine Koordinierung von den­jenigen Aktivitäten, die die einzelnen Glieder als hilfre­ich oder notwendig im Laufe des vereinbarten Kampfes ansehen. Die Aktivitäten dieses Netzwerkes finden statt und ruhen, sowie die Aktivitäten der einzelnen Glieder. Im Rahmen eines Kampfes kann – muss vielleicht auch – der Moment kommen in dem über die bloße Agitation, die Verbreitung von Informationen, Kritik und Feindlichkeit­en, von Analysen und Wissen hinausgegangen wird und neben Akten der Revolte im Kleinen, ein größerer oder koordinierter Angriff notwendig wird, dafür kann dann auf des Netzwerk der informellen Organisation zurück­gegriffen werden. Eine derartige Koordinierung schafft den Spagat zwischen der Förderung autonomer und frei­er Individuen und dem Handeln einer größeren Anzahl von Menschen, ohne in den altbekannten Sumpf der Trennung von Organisierten und Organisierern und Zen­tralisierung zurückzufallen. Ein weiterer Aspekt, den ich hervorheben will, ist der der Sicherheit der Handelnden. Die auf Wachstum ausgerichtete also notwendigerweise – zumindest teilweise – legale Organisation, muss sich selbst Beschränkungen in ihrem Handeln auferlegen und ihren Mitgliedern aufzwingen. Sie muss auch ihre Ideen und Kritiken verwässern und anpassen um diese den von ihnen erhofften Massen annehmbar zu gestalten oder dazu zu bewegen sich anzuschließen. Wie religiöse Geb­ote präsentieren sie ihr Programm, das es durchzuführen gilt und einiges verspricht. Das macht es einfach für viele sich zu beteiligen, weil die einzige Anforderung, die an sie gestellt wird, lediglich das Zahl-sein ist. Also für die Menge, die Masse zuständig ist, die den Forderungen oder Programm Nachdruck verleihen soll um die Politik oder politisch zu beeinflussen. Auf diese Weise werden die Schafe der Gesellschaft, zu irgendwie organisierten Schafen und geben dabei ihr Schafsein nicht auf. Dieses Phänomen ist nicht nur typisch für große Massenorgan­isationen, sondern trifft auf jede Art des Organisierens zu, das nicht auf dem Handeln und Willen der Einzelnen beruht und ist sogar in dem radikalsten Milieu anzutref­fen. Das macht es aber auch einfach für die Repression diejenigen zu erkennen, die handeln bzw. Mitglied sind, sie auszumachen und zu integrieren in die politischen Prozesse zur Verwaltung der Gesellschaft. Eine derartige Struktur erlaubt, oder vielmehr verlangt, nach Einzelp­ersonen, die sich in ihrer Mission berufen fühlen und gerne die Ruder an sich reißen und damit einen Schritt in Richtung Rekuperation darstellen. Eine große, formelle Struktur kann vom Staat ohne weiteres zerschlagen und besiegt werden. Affinitätsgruppen und ihre informelle Organisation sind zwar nicht vor den Schlägen der Re­pression gefeit, aber sie sind nicht zu berechnen, nicht zu kontrollieren, weil sie sich selbst nicht kontrollieren müssen um fortzubestehen und vor allem nicht zum Sch­weigen zu bringen. Die Verhaftung einer Gruppe oder Person, führt nicht zwangsläufig zu Offenlegung ander­er oder sogar der gesamten Struktur und damit nicht zur Gefährdung des gemeinsamen Projekt des Kampfes.


Unsere täglichen kleinen Kämpfe, Revolten und Ver­brechen haben vielleicht für uns eine tiefere Bedeutung, sind aber in der Wahrnehmung anderer nichts außer das alltägliche Handeln mit dem jeder seinen Alltag bestreit­et. Mein kleiner oder auch größerer Ladendiebstahl be­deutet für mich bspw. eine radikale Infragestellung von Eigentum und dem Kreislauf ökonomischer Zwänge mit dessen absolvieren ich mir erst die Erlaubnis erarbeite mir eine bestimmte Ware anzueignen oder gar den hei­ligen Konsumtempel zu betreten – natürlich nur mit der Absicht zu konsumieren –, ist aber in den Augen Drit­ter nichts als ein kleiner Ladendiebstahl um irgendwie zu überleben. Und dieser kleine Diebstahl bleibt dieser, wenn wir keinen Kontext erschaffen, der die Fragen von Eigentum oder legal & illegal aufwirft.


Jeder Menschen handelt, auch in dem er nicht handelt, zwar sind die verschiedenen Handlungen aufgrund des­sen, was sie bedeuten, unterscheidbar, doch verlieren sie an Stärke und verpuffen in der Schnelllebigkeit und Über­flutung durch Informationen der Welt. Die rein mathe­matische Rechnung von Gesellschaft der Ausbeutung und Unterdrückung plus Aktion, ergebe das gewünschte, so­fortige Resultat, verkennt den Charakter der Herrschaft. Sie ist dem Menschen nichts Fremdes, sondern hat sich in seine Gedanken als eine fixe Idee eingeschrieben und definiert seine Beziehungen, sie kann sogar nur bestehen, wenn sich ihre Sklaven stets von neuem und ständig wie­der (freiwillig) unterwerfen. Daher sehe ich es eher als einen Hilferuf an, anzugreifen ohne seinem Handeln eine Richtung zu geben und es in einen „Rahmen“ einzubetten, der sich durch eine Vielfältigkeit und Vielzahl an Formen auszeichnet und eine aufständische Ausrichtung besitzt. Für mich stellt sich hier erneut die Frage von gemachten und halb-gemachten Sachen. Seinem Handeln eine Rich­tung zu geben, also die einzelnen Akte in eine Form zu bringen in der die Aktivitäten Schritte sind in der Durch­führung und Verwirklichung eines Projekts. Ein Projekt kann vieles sein. Auch ein Kampf mit aufständischer Aus­richtung, der sich gegen einen spezifischen Ausdruck, eine bestimmte Struktur oder Vorhaben der Herrschaft richtet, kann ein Projekt ausmachen. Wenn das Projekt ein Kampf gegen ein repressives Vorhaben der Herrschaft ist, dann ist es der Angelpunkt an dem sich die verschie­denen Formen der Agitation, der Beziehungen und der Handlungen bündeln, aufeinander beziehen, unterein­ander Verbindungen schaffen und sich gegenseitig durch ihre Ausrichtung gegen diese Vorhaben der Herrschaft und Kompromisslosigkeit einen selbstbestimmten Aus­druck geben. In alle Richtungen draufzuhauen ist zwar schön, aber letztlich begeben wir uns damit in eine Sit­uation die unser Handeln verflüchtigt. Es gibt einfach so viele Punkt, die man angreifen kann und will. Die Kunst ist es sich für einen zu entscheiden. Unser lokaler Kon­text hat seine spezifische Besonderheit und ermöglicht Dinge, die an anderen Orten undenkbar sind, verweh­rt aber auch Dinge, die woanders alltäglich erschein­en. Es bestehen aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Kontexten und Realitäten auf der ganzen Welt, denn die Herrschaft ist nun mal kein isoliertes Gebilde, son­dern funktioniert mit leichten Abweichungen und ver­schiedenen Kristallisationen auf die selbe Art und Weise überall. Die lokalen Kontexte befinden sich also in einer globalen Entwicklung, die mit angepassten Besonderheit­en auf den kleineren Rahmen übertragen wird. In seinem eigenen Kontext ein Projekt des Kampfes zu beginnen, benötigt ein Wissen und eine Auseinandersetzung mit seiner Umgebung in Abstimmung mit den Zwängen und Anforderungen, denen sie unterliegt und allgemein gültig sind. Von dieser Analyse kann man ableiten, welches An­griffsziel naheliegend ist, sich also bspw. als eine unbe­dingte Notwendigkeit zeigt, die unmittelbar angegangen werden muss. Ein Vorhaben der Herrschaft sabotieren, verhindern, angreifen oder zerstören zu wollen, be­grenzt seinen Handlungsraum nicht bloß auf einen klein­en überschaubaren Ort, der einfach kontrolliert werden kann. Vielmehr zeichnet die Vertiefung des Wissens über das spezifische Vorhaben eine sich zunehmend verfein­ernde und sich verbreitende Karte von Verantwortlich­keiten und wichtigen Orten zur Durchführung, aber auch Verbindungen zu anderen Thematiken, die sich auf dem Terrain der Herrschaft eingliedern und somit die Fragen ausgedehnt werden können. So können beispielsweise Angriffe, seien sie auch verbal, sogar über den lokalen Kontext hinaus koordiniert werden und Verknüpfun­gen zu anderen stattfindenden Projekten des Kampfes getätigt und die aufgegriffenen Thematiken mit die weit­ergreifender Kritik und Feindlichkeiten sowie konkreten verantwortlichen Strukturen unterfüttert werden. Die Repression der Herrschaft gegen die Untertanen zeigt sich in verschiedenen spezifischen Vorhaben, greift dabei aber auch auf andere Aspekte der Herrschaft und andere Thematiken, die ebenfalls Teil von aufständischen Kämpfen sein können, zurück. Sich für einen spezifischen Aspekt der alltäglichen Repression zu entscheiden bedeu­tet nicht seinen Willen zu unterminieren, die Welt der Herrschaft in ihrer Gesamtheit zu zerstören. Aber damit unsere Handlungen und Ideen nicht im Sande verlaufen, wollen wir ihnen eine etwas genauere Ausrichtung geb­en und innerhalb dieser unsere Energien, Initiativen und Anstrengungen bündeln. Nicht für eine Verbesserung eines Aspekts dieser Ordnung, sondern ohne Forderun­gen für den Angriff und die selbstorganisierte gemeins­ame Zerstörung oder Verhinderung eines Vorhabens der Herrschaft, durch die soziale Verbreitung der Methoden, die wir vorzuschlagen wissen.


Es handelt sich bei einem Projekt des Kampfes also nicht um eine Angelegenheit einer kleinen Minderheit, die sich in der Rolle sieht die Wut der Ausgebeuteten und Unterdrückten in ihre Richtung zu lenken. Anarchisten sind immer eine Minderheit gewesen, und ich sehe auch keine Gründe wieso sich das ändern sollte und wird oder gar muss. Ihre Anwesenheit ist eine qualitative Präsenz innerhalb befriedeter Tage, aber auch in konfliktreichen Zeiten, die nicht deshalb wichtig oder ausschlaggebend ist, weil sie Angebote haben, die so verlockend klingen, dass sich die Menschen unter ihrem Banner versam­meln, sondern weil sie immer, selbst unter den widrig­sten Bedingungen es gewesen sind, die kompromisslos für ihre Ideen einstehen, die Notwendigkeit der Revolte aufzeigen, jeder Macht, selbst der Ausbildung einer rev­olutionären Herrschaft feindlich gegenüberstehen und Methoden vorschlagen, die sich nicht automatisch in Richtung einer neuen Unterdrückung wenden. Etwas ba­nal und kurz formuliert: weil sie keine Politiker sind und zu dem was sie sagen, stehen. Deswegen sind Momente des Konflikts eine Zeit in der wir aufblühen und ruhige Zeiten Momente in denen wir versuchen mit unseren Kämpfen weiterreichendere Konflikte und Revolten zu provozieren. Unsere Ideen der Freiheit sind abstrakt und durch ihre Verbreitung allein wird kein Aufstand aus­brechen, ihre Verbreitung ist deshalb aber nicht weniger notwendig. Wenn wir uns für ein Projekt des Kampfes entscheiden, das sich gegen eine konkrete Struktur oder Vorhaben richtet und wir innerhalb dessen unsere Ideen und Kritiken, aber auch Vorschläge unserer Kampfmeth­oden verbreiten, lösen wir uns aus der Abstraktion und entwickeln unsere Handlungen kohärent mit unseren Ideen in der Praxis, die wir mit anderen Individuen teilen wollen. Wenn Anarchisten und „Bürger“ zusammen auf einer gemeinsamen Grundlage kämpfen, macht das nie­manden zum Anarchisten, aber einen Anarchisten auch nicht zu einem „Bürger“ und bedeutet auch nicht, dass unsere Methoden bei einem erfolgreich durchgeführten Kampf in Stein gemeißelt werden und man sich an sie er­innert und sie sich in anderen Kämpfen selbstständig nie­derschlagen. Indem wir aber Brüche erzeugen, Momente der Freiheit in einer Welt der Unterdrückung, dann sind es unsere Methoden, Analysen und Ideen, die ein Aus­dehnen und Generalisieren dieses Augenblicks möglich machen und grundsätzlichere Auseinandersetzungen eröffnen. Ein wichtiges Moment unserer Kämpfe ist also der soziale Moment, die soziale Anwendung un­serer Methoden im Kampf und die daraus von uns und den anderen revoltierenden Individuen gesammelten Erfahrungen. Um einen Aufstand auszudehnen und als Teil eines Projekt des Kampfes ist es wichtig aufzuzeigen, wie irreführend die demokratischen Mittel des Protestes sind, wie die Herrschaft sich mit ihren Projekten gegen alle und nicht nur eine kleine Minderheit der Bevölker­ung richtet und die Perspektive, die wir sehen um sich dagegen zu Wehr zu setzen und nicht in der Aktion einer kleinen Gruppe liegt, die eine spektakuläre Aktion durch­führt und damit der Herrschaft einen Strich durch die Rechnung macht, bis zu dem nächsten Moment in dem sie wieder von vorne anfängt. Das ermöglicht Delegation in unserer Richtung, also das Abtreten der eigenen Verant­wortung zu kämpfen an uns. Die Perspektive liegt im so­zialen, der Einbindung und Koordinierung der Aktionen und Pläne zur erfolgreichen Durchführung des Kampfes. Bei einem Projekt der Herrschaft also die gemeinsame Verhinderung oder Zerstörung, etwa durch einen großen kollektiven Angriff, durch das verbreitete Angreifen auf Verantwortliche oder das Hochtreiben der Kosten, sodass sich die Pläne in das ökonomisch Unsinnige wenden, hi­erbei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt, ist aber abhängig von dem jeweiligen Kontext.


Wenn die „Massen“ für uns keine zu rekrutierenden Soldaten darstellen, die von unseren Idealen überzeugt werden müssen, die zuerst Anarchisten werden müssen, dann bedeutet das, dass wir den Leuten als denjenigen begegnen, die sie im Kampf sind, als Rebellen. Rebellen wie wir, die sich vielleicht nur im Vagen befinden, was die Art und Weise zu kämpfen angeht. Und wenn wir Bezie­hungen zu Menschen herstellen die einen Willen mit uns teilen zu handeln, dürfen wir nicht zögern unsere An­sichten über die anzuwendenden Methoden zur Diskus­sion zu stellen und unsere Sicht, bestehend aus Analyse, Ablehnung und Ideen, auf die Dinge kund zu tun. Nur weil jemand sich nicht als Anarchist bezeichnet, ist die Person nicht unfähig auf eine Art und Weise zu handeln und zu wollen, wie wir es versuchen. In Freiheit zu leben kann niemandem aufgezwungen werden, aber es ist auch nicht Anarchisten vorbehalten die Schule gemacht haben, Ge­gensätzliches ist nichts weiter als elitäres Geschwätz. Uns machen nicht unsere Vorstellungen der Freiheit aus, die wir begehren, sondern unsere tägliche Begegnung mit dem Leben, das uns aufgezwungen wird. Das heißt wir gehen davon aus, dass die Menschen dazu fähig sind sich mit oder ohne uns selbst zu organisieren, unabhängig von Führern und Parteien und Institutionen, die ihnen die Mittel zum Kampf zur Verfügung stellen und das hängt nicht unbedingt von unserer Präsenz ab. Wir sind aber fähig dazu im geeigneten Moment eine radikalere, kom­promisslosere Richtung zu geben. Eine anarchistische Richtung.

 

Das Projekt des Kampfes gegen das

Justizzentrum in München


Vor zwei Jahren tauchten in München die ersten Sprühereien, Plakate und Flugblätter auf, die den kom­menden Bau des (Straf-)Justizzentrums thematisierten und zu einem Kampf zur Verhinderung desselben au­friefen. Knapp zwei Jahre später, noch mehr Flugblätter, Plakate und Sprühereien, sowie Angriffe und Aktionen später, nähert sich der Baubeginn am Leonrodplatz in Neuhausen. Der Kampf zur Verhinderung ist nicht nur ein Kampf gegen ein spezifisches Gebäude oder gegen Ei­gentum und seinen Schutz durch das Gesetz. Sondern es ist ein vielfältiger Kampf, der verschiedene Thematiken umfasst und verknüpft und steht nicht nur im lokalen Kontext, sondern in einer globalen Entwicklung.


Notwendigerweise haben wir als Anarchisten ein feindliches Verhältnis zur gesamten Justiz. Diese be­inhaltet nicht nur ihre physische Struktur von Gericht, Staatsanwaltschaften und Gesetz, sondern weil sie nicht ohne Gewalt durchzusetzen wäre logischerweise auch Polizei und Sicherheitsdienstleister, Kontrolle und Über­wachung, Knast und Wärter, diejenigen Firmen und Architekten, die verantwortlich für Bau, Betrieb, Auss­tattung und Versorgung dieses ganzen Systems sind. Gewalt ist aber nicht der einzige Faktor, weshalb die Un­terdrückung und Bestrafung existieren, die Trennung und die Ideale von richtig & falsch, gut & böse, legal & illegal, schuldig & unschuldig sind fixe Ideen, die sich in den Köpfen der Menschen eingenistet haben und deshalb ihrer Logik Leben einhauchen. Nur dadurch, dass die Leu­te diesen Ideen Gültigkeit einräumen sie zu einem Teil ihres Lebens, Denkens und ihrer Beziehungen machen und dadurch sich selbst kontrollieren und andere in die Fänge dieser Logik zwingen, kann sie existieren. Nicht nur in unseren alltäglichen Handlungen und Entschei­dungen ist diese Unterdrückung präsent, sondern auch in der der anderen. Der Logik der Justiz liegt nicht nur ein kapitalistisches System mit Eigentum und Ausbeutung zugrunde, sondern auch ein System der Herrschaft und Macht und die immer von der Seite definiert wird, die die Macht verkörpert. Die Justiz schützt zwar das Eigentum vor Raub und Diebstahl und damit die herrschenden Ei­gentumsverhältnisse, die Ausbeutung ermöglichen und benötigen, aber sie ist vor allem Ausdruck der Idee der Herrschaft, der Gültigkeit von Macht von Menschen über andere Menschen und stellt ihre Institution der Gewalt dar mit der sich die Macht aufrechterhält. Mit der Jus­tiz kommt auch die Aufteilung in Untergeordnete und Herrschende, Herren und Sklaven einher und ist somit di­rekt Werkzeug der Herrschaft in der Unterdrückung und zur Aufrechterhaltung der Unterwerfung der Massen. Da­raus ergibt sich für uns, dass Gesetz niemals die Freiheit sichern, bedeuten und versprechen kann, die wir wollen, ihr stattdessen immer feindlich gesinnt ist. Ebenso wenig „Gerechtigkeit“ in einer „ungerechten“ Welt ermöglicht.


Das Justizzentrum bedeutet für uns nicht nur eine Verkörperung, Sicherung und Verewigung der Welt des Gesetzes und der Bestrafung, sondern steht auch im Ze­ichen einer Stadtentwicklung, die angetrieben ist durch den kapitalistischen Markt und die Kontrolle der Bev­ölkerung als eine Gefahr für die Herrschaft. Die Aufteilung der Räume, sowie die Formen der Architektur sind orien­tiert an der funktionalen Ausführung und Repräsentation der Macht, bzw. der Machtverhältnisse. So bestimmen die Räume den Inhalt, den man ihnen geben kann und beu­gen dadurch unter anderem das eruptive Entstehen von Krawallen vor, verhindern oder verschieben Verbrech­en, erlauben größtmögliche Kontrolle der Menschen und bestimmen ihre Wege. In Zeiten der neoliberalen Glo­balisierung und der damit einhergehenden Öffnung der Städte für das globale Kapital und Finanzmärkte inves­tiert die Stadt gezielt in die Aufwertung von Vierteln und des gesamten städtischen Terrains um den Ausverkauf der Stadt und die damit einhergehende Privatisierung voranzutreiben. Einerseits geleitet durch die Aussicht auf Gewinn und andererseits durch die Trennung der Stadtbevölkerung und Säuberung der Innenstädte, die zentral für den Ausdruck der Macht werden. Großstädte bilden ein geeignetes Milieu für die Macht, weil sie sich an diesem Ort des Chaos und der Ordnung immer für die Ordnung entscheidet und damit die Aufteilung der Ge­sellschaft in Ausgeschlossene und Teilnehmende vorant­reiben kann, somit ihre eigenen Existenzbedingungen verewigen kann. Und die Idee der Herrschaft und der Natürlichkeit der Unterordnung physisch besiegeln und verbreiten kann. Wiederum ist die Justiz ein notwendig­es Element in dieser Entwicklung, aus dem einfachen und sehr banalem Grund, weil sie den rechtlichen Rahmen zu dessen Durchführung bietet und Hilfestellung für die Verantwortlichen und Profiteure – die sie ja sogar selbst ist – bietet.


Wie eingangs erwähnt sind die Realitäten der lokalen Kontexte miteinander durch die selben Zwänge und Re­geln verknüpft, die die Herrschaft uns auferlegen und so befinden wir uns in einer Epoche die durch den Ausbau und die Restrukturierung, angesichts sich verbreitender Unruhen und Konflikte, der eigenen repressiven Struk­turen vorantreibt. Diese Bestrebungen sind nichts neues nur das rasche Fortschreiten der Technologien der Kon­trolle und deren Einbettung in zivilen Gebrauch, sowie die Verfeinerung der Techniken zur Herrschaftsausübung und Befriedung, sowie deren internationale Verstrick­ung sind neue Entwicklungen die bahnbrechend sind. Die lokalen Entwicklungen müssen also auch in diesem Kon­text gelesen werden, daher müssen wir auch stärker die wenigen Kämpfe, die gegen die Strukturen zum Ausbau der Herrschaft geführt werden, verknüpfen und erweit­ern. Nicht mit dem Zweck eine weitere Internationale zu gründen, sondern den qualitativen lokalen aufstän­dischen Kämpfen eine internationale Schlagkraft zu geb­en, also das internationale Netzwerk der Herrschaft lokal anzugreifen und zu zerstören.


Der Kampf gegen den Bau des Justizzentrums ist somit kein politischer Kampf. In seinem Rahmen gibt es keine Namen oder feste Strukturen, die verantwortlich sind, denen man sich anschließen kann oder an die man sich wendet (um Befehle zu erhalten). Alles was geschieht, geschieht auf die Initiative von verstreuten Zusammen­hängen und Individuen zwischen denen es einen Austaus­ch gibt oder eben nicht, die sich aber, wenn es nötig wird, zusammenfinden um gemeinsam zu agieren und der In­tervention in die Realität des Gesetzes und der Ordnung eine kollektive Kraft zu geben. Daher lebt dieses Projekt des Kampfes, sowie jedes andere, von der Beteiligung und der eigenen Initiative und Auseinandersetzung von Menschen, die sich im Klaren darüber sind, dass sie han­deln wollen und die Ideen und Pläne verwirklichen wol­len, ohne sich abhängig zu machen. Abhängig von der Illusion erst viele sein zu müssen um handeln zu können oder moralisch berechtigt sein zu dürfen, sich mit an­deren organisieren zu müssen um „Bedeutung“ zu ha­ben, abhängig von anderen machen, die ihnen sagen was zu tun ist, weil die Initiative selbst zu ergreifen in einer Umgebung in der die vorherrschende Initiativ- und Wil­lenlosigkeit der Menschen die Grundbedingung für ihre Unterdrückung und die Herrschaft ist, ein nicht so ein­fach erscheinender Weg ist sein Leben zu bestreiten und aufrecht in Würde zu gehen.


Initiativen können sich nur als falsch erweisen oder als gescheitert gelten, wenn sie in die Tat umgesetzt wurden. Und dafür ist die Realisierung seines eigenen Willens ver­antwortlich und dieser ist das einzige was wir haben und auf den wir vertrauen können. Weil die „anderen“ es nicht sein werden, die beginnen. Um mit den sinngemäßen Worten einer unbekannten Autorenschaft zu schließen, dass einzige was wir jetzt für die anderen tun können, ist zu revoltieren, die Bedingungen für die Befreiung aller zu legen und damit die Möglichkeit aufzeigen, dass nichts, was ist, unverrückbar ist, für die Ewigkeit ist. Das Leben ist eine tabula rasa eine unbeschriebene Tafel, die folglich alle möglichen Worte enthält. Ich kann meine Schranken einreißen, aber deine musst du selber zerstören, ich kann dir nur zeigen was möglich ist.

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